4 – Ein Mythos entsteht


Die Direktoren von Hammer-Film waren die uns schon bekannten William Hinds, Enrique Carreras, James Carreras und Anthony Hinds. Mit der Öffentlichkeitsarbeit betraut wurde Michael Carreras, der Sohn von James Carreras.


Es entstand ein hübsches kleines Familienunternehmen zweier Freunde, und das dürfte auch das Geheimnis der Anfangsjahre von Hammer gewesen sein. In Interviews und Büchern von Schauspielern, die bei Hammer gearbeitet haben, wird in dieser ersten richtigen Hammer-Phase bis in die 60er hinein immer wieder der starke familiäre Charakter dieser Filmschmiede erwähnt, von Aufmerksamkeiten den Schauspielern gegenüber bis hin zu der legendären Küche.


Der erste offizielle Film dieser neuen Gesellschaft war “Dr. Morelle – The Case of the missing Heiress” mit Valentine Dyall, von Exclusive ab dem 27. Juni 1949 vertrieben.


Von 1950 an wurden permanent Filme und Dokumentationen erstellt, größtenteils auf die Bedürfnisse der Kinokette abgestimmt.

Das sollte sich ändern, sobald Hammer 1951 eine Co-Produktion mit Robert Lippert, einem amerikanischen Filmproduzenten, einging. Diese Partnerschaft ermöglicht Hammer auf dem nordamerikanischen Markt zu expandieren und bekannte, wenn auch nicht mehr immer ganz aktuelle, amerikanische Stars zu engagieren.


1954 entsteht der erste Farbfilm von Hammer: “The Men of Sherwood Forest”, eine etwas eigenwillige Robin Hood Variante mit einem Schauspieler der Errol Flynn zum Verwechseln ähnlich sieht. Schon jetzt kümmert sich Hammer nicht um die exakte Darstellung geschichtlicher Ereignisse, sondern wildert lieber und strickt packende Geschichten aus bekanntem Material.


Die Arbeitsweise von Hammer ist zu dieser Zeit so ganz anders als in Hollywood und lässt eher an Independent Produktionen von heute erinnern: gedreht wurde nicht in Studios sondern in einigen Landhäusern – Oakley Court ist so ein Landhaus gewesen, im Krieg das Hauptquartier von General de Gaul’s “Free French Movement”, nun der ideale Schauplatz für die Art von Filmen, die Hammer produzieren wollte. Es wurde noch ein Nebengrundstück erworben, “Down Place”, auf dem später die Bray Studios errichtet wurden, um ein permanentes Zuhause zu haben.

“Down Place” gehörte einem gewissen George Davies. Dieser war Film-Fan und stimmte dem Verkauf zu, solange seine Frau und er weiterhin auf dem Gelände wohnen dürfen. Er war zwar nie wirklich im Produktionsprozess integriert, taucht aber bei diversen Hammer-Produktionen als “clapper boy” auf, hat also die Klappe gemacht.

Oakley Court diente noch einigen Filmgesellschaften als Stützpunkt, wurde 1979 schließlich verkauft und in ein Hotel umgewandelt.


Lippert wurde 1955 von der 20th Century Fox “aufgekauft”. In dem Jahr, in dem Hammer den unsagbar erfolgreichen Film “The Quatermass Xperiment” herausbrachte, der für die USA in “The Creeping Unknown” unbenannt wurde. Sowohl “The Quatermass Xperiment” als auch die “Dick Barton”-Serie waren Adaptionen von bekannten BBC-Radio-Shows.

Der Erfolg von “The Quatermass Xperiment” ist wohl ein maßgeblicher Grund gewesen, warum Hammer sich entschied, seinen Fokus auf Horror-Filme zu legen und sowohl Dracula als auch Frankenstein, Figuren die durch Universal Film in den 30er Jahren sehr populär geworden sind, in einem neuen Licht zu inszenieren.


Man entschied sich als erstes für Mary Shelley’s “Frankenstein”, da die Rechte an diesem Buch schon verfallen waren, also jeder mit dem Stoff machen konnte, was er wollte. “Frankenstein” aus dem Jahre 1931 von UNIVERSAL galt schon damals als Klassiker, ideale Voraussetzungen also, für eine Neuinterpretation, die von Universal natürlich ungern gesehen wurde. Universal achtete besonders darauf, das kein Copyright an ihrem Design verletzt wurde. Hammer hütete sich, irgendetwas aus dem Frankenstein-Film von 1931 zu kopieren, was nicht auch im Buch vom Mary Shelley stand. Somit war das berühmte Monster-Make-up mit der hohen Stirn natürlich tabu. Es wurde also ein neues Make-up entworfen (welches das sonst so ausdrucksstarke Gesicht von Christopher Lee regelrecht einbetonierte) und ein Drehbuch geschrieben, welches einen schnelleren Schnitt und mehr Schockelemente aufwies, als der Original-Film.


Dieser Film brachte vier Menschen zusammen, die für die Zukunft von Hammer Films maßgeblich sein sollten: den Regisseur Terence Fisher, den Autor Jimmy Sangster und natürlich die beiden Hammer-Legenden Christopher Lee und Peter Cushing. Es wurde der Grundstein gelegt, gerade für den weltweiten Erfolg der letzteren beiden. Peter Cushing, indem er einen kalten, dennoch leidenschaftlichen und unmoralischen Frankenstein entwarf, Christopher Lee, indem er eine ganz eigene Interpretation des Monsters gab, weitab von der Boris-Karloff-Interpretation.


Der Vorteil von Terence Fisher war nicht nur sein visionärer Stil, oder sein Einfallsreichtum, die Bray Studios in immer anderen Blickwinkeln anders aussehen zu lassen, seine Vergangenheit als Cutter half immense Kosten einzusparen, weil er genau wusste, welche Szenen man braucht und, vor allem, welche nicht. Ihm ist wohl der größte Lohn anzurechnen, dass die B-Movies der Hammer Films aussehen wie A-Movies und die Illusion entstand, es wären sehr viel größere Studios, als die Bray Studios, benutzt worden. Da wurde schnell mal aus einem deutschen Dorf des Mittelalters eine Londoner Strasse und gleich darauf ein spanisches Dorf, wie man zum Beispiel in “The Curse of the Werewolf” sehen kann, einem Film, der dem jungen Oliver Reed zur Karriere verhalf.


Der Kameramann, der den Hammer-Filmen den ganz besonderen Hammer-Touch gab, war Len Harris, der Cutter, der in vielen Hammer-Filmen die Schockmomente schnitt, war James Meade.


1957 wurde “The Curse of Frankenstein” herausgebracht. Er kostete 70.000 Pfund, zu der Zeit wurden 5 Filme jährlich gedreht, und niemand rechnete mit diesem überragenden weltweiten Erfolg, der vielleicht auch mit der Kritik zusammenhing. Die war nämlich fasziniert und geschockt zugleich. Die meisten Kritiker warnten vor diesem Film, bezeichneten ihn als schockierend und ekelerregend. Ganz klar: wenn die Kritik vor einem Film so eindringlich warnt, muss er unbedingt angesehen werden.


Ab diesem Zeitpunkt war der Name “Hammer Films” überall ein Begriff, und die Warnungen und Diskussionen vor und um die Hammer-Filme gab es bis in die 70er Jahre hinein in jedem Land. Es gibt einen Augenzeugenbericht aus meiner Familie, dass Kinobesucher tatsächlich ohnmächtig aus dem Kino getragen wurden, dies ist also sicherlich keine Legende.



1958 folgte “Dracula” und beide Filme sorgten mit ihren zahlreichen Sequels für den Ruf, den Hammer bis heute hat. Das Aufeinandertreffen von Gothic-Horror und den Technicolor-Farben (deren rubinrot, oder sollte ich besser blutrot sagen, man bis heute nicht mehr so schön hin kriegt) erfasste die weltweite Aufmerksamkeit.