DRACULA (1957)

Dracula
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Nun denn, das ist der Beginn der Reviewreihe zu den Dracula-Filmen der Hammer Produktion. Ich werde mich zuerst auf die Filme mit Christopher Lee konzentrieren.

Inhalt:
Den Inhalt eines Dracula-Filmes darzustellen, der Bram Stoker’s Roman als Vorlage hat, ist meistens nicht nötig – jeder kennt die Geschichte. Und in Grundzügen ist sie ja auch in allen Filmen, sei es die Version mit Bela Lugosi von 1930 oder sei es „Nosferatu“ mit Klaus Kinski, die gleiche. Interessanter ist es eigentlich, die Unterschiede zur Originalvorlage herauszuarbeiten, aber dazu muss man eben doch wieder den Inhalt beschreiben.
Jonathan Harker kommt auf Schloss Dracula – diesmal aber nicht, wie in der Romanvorlage, als Bibliothekar oder wie bei „Nosferatu“ als Immobilienmakler, nein diesmal als Vampirjäger, der sich als Bibliothekar ausgibt. Auch diesmal entdeckt Dracula (Christopher Lee) in dessen Verlobten die Reinkarnation seiner geliebten Frau wieder. Harker wird gebissen und Dracula entschwindet in Richtung Lucy.
Dr. van Helsing (Peter Cushing), der noch von seinem Freund Harker (aha) gerufen wurde, findet ein leeres Schloss vor, und seinen Freund in der Gruft… schon zu einem Vampir verwandelt. Er erlöst Harker und kehrt nach London zurück. Dort will er der Familie von Jonathan Harker nicht unbedingt die Wahrheit erzählen, hat aber, sobald er merkt, dass Dracula in den Dunstkreis der Holmwoods eingedrungen ist, keine andere Möglichkeit mehr.
Dracula indes bringt eine Frau nach der anderen aus der Familie in seinen Bann. Lucy wird sehr Opfer ihrer Blutarmut, um so mehr wundert es, dass das kleine Mädchen Tanya erzählt, dass Lucy mit ihr in der Nacht spielt. Nachdem van Helsing und der Bruder von Lucy, Arthur Helmwood, Lucy stellen und sie mit einem Pflock töten, glaubt Arthur auch endlich van Helsing. Was auch nötig ist, denn Dracula gibt sich mit Lucy allein nicht zufrieden. Mia Holmwood, die Frau von Arthur (in der Romanvorlage heißt sie Mina) ist schon im Bann Draculas. Van Helsing und Arthur bemerken dies und bewachen vom Garten aus Mias Zimmer – ohne Erfolg. Trotzdem liegt sie am nächsten Morgen blutleer und fast tot in Bett. Van Helsing kommt schnell auf die Lösung, dass Dracula im Haus versteckt sein muss. Dracula bemerkt frühzeitig, dass er entdeckt wurde, entführt Mia und fährt mit ihr in der Kutsche zu seinem Schloss, wo er sie vergräbt.
Als der Tag graut treffen auch van Helsing und Holmwood ein. Holmwood gräbt seine Frau aus und van Helsing verfolgt Dracula in seinem Schloss. Im finalen Kampf hat Dracula schon fast gewonnen, als van Helsing zu einem Fenster hechten und es aufziehen kann. Mit zwei zu einem Kreuz formierten Kerzenleuchtern drängt er Dracula weiter in den Lichtkegel, wo Dracula zu Staub zerfällt und verweht wird. Mia ist aus dem Bann des Grafen gezogen und wieder geheilt.

Kritik:
Es ist Hammer-typisch, dass man den Inhalt nur beschreibend ganze Seiten füllen könnte. Damals wurde auf Handlung halt noch sehr viel Wert gelegt.
Dracula aus dem Jahre 1957 ist mehr als bemerkenswert. In seiner handlung wurde Stokers Vorlage in vielen Punkten zugunsten der Spannung stark abgeändert, andererseits wurden in dieser Fassung Elemente aufgegriffen, die man vorher noch nie sah. Änderungen sind zu finden in Harkers frühen Tod, es gibt keine Figur, die Dr. Seward ähnelt, es gibt (und das mag tatsächlich traurig sein) keinen Renfield (diese Figur wird aber schon im zweiten Dracula-Film mit Chris Lee aufgegriffen), es gibt keine Wölfe und keine Fledermäuse – geschweige denn Verwandlungen des Grafen in ebendiese. Diese Verwandlungen werden aber thematisiert: sie seien ein Trugschluss der Wissenschaft, erklärt van Helsing im Film, die bekannte Vampirfledermaus habe wohl zu diesem Ammenmärchen geführt. Ein netter dramaturgischer Trick: das Thema wird nicht vergessen, und trotzdem kann man sich aufwendige (und bei Lugosi meist lächerliche) Verwandlungsszenen sparen.
Als Einschub sei erwähnt, dass die Lugosi-Version erstmalig 1967 in Deutschland gezeigt wurde, was erklären mag, wieso hierzulande Christopher Le auch als DER Dracula gilt, und nicht Lugosi, der diesen Status in den USA eher inne hat. Aber bei uns gab es ja auch Murnaus „Nosferatu“, da mag lange Zeit Lokalpatriotismus mitgespielt haben.
Dennoch glaube ich, dass Christopher Lee auch so diesen Status bei uns erreicht hätte: er gibt den eindeutig charismatischeren Grafen ab, ist nicht so geleckt wie Lugosi. Er ist weniger Gentleman (höchstens in den Anfangsszenen) als vielmehr erotischer Verführer, der eine unbändige Anziehungskraft auf Frauen ausübt. Lee ist animalischer, wilder und kann diese Charaktereigenschaften geschickt mit dem englischen Gentleman kombinieren.
Englischer Gentleman? Ja, das ist nun mal Hammer: man kann Draculas Schloss nicht so ganz lokalisieren. Man sieht an den Grenzen auch deutsch geschriebene Schilder, aber die Entfernung zu London kann so weit nicht sein – es bleibt im Dunklem, woher Dracula stammt, und gerade das führt in der Dracula-Reihe zu einigen (für den Zuschauer unwichtigen) unlogischen Punkten – aber wen interessieren die, denn dank Terence Fishers grandioser Regie ist die Spannung sowieso zu jeder Zeit auf dem Siedepunkt.
1957 wurden die potentiell erotischen Szenen noch abgeblendet (und nicht, wie in den 70er Jahren mit blankem Busen ausgekostet) – wollüstige Blicke der betroffenen Frauen nach ihrem Zusammentreffen mit Dracula sagten mehr als 1000 Sexszenen. Und viele blutige Szenen (die in dieser ersten Farbversion dank Technicolor das Blut besonders schön leuchten ließen) sind in diesem Film etabliert worden – das darf man nicht vergessen, wenn einem heute einige Szenen abgedroschen vorkommen. In DIESEM Film wurde der Grundstein zu etlichen nachfolgenden Vampirfilmen gelegt, die Todesszene Draculas ist eine der eindrucksvollsten überhaupt. Natürlich trugen auch die Sequels dazu bei, diese etablierten Elemente in der Filmgeschichte zu festigen. Zusammen mit „Frankensteins Fluch“ ist „Dracula“ der Film der Hammer Produktion, der den Grundstein für deren Erfolg legte und Hammer zu einer Legende werden ließ. So wurde über Terence Fisher geschrieben: „Sein Einfluss auf den heutigen Film ist unübersehbar, und Terence Fisher hat den Status eines Kult-Regisseurs erreicht, der eine neue Art des Horrorfilms geschaffen hat: mit Stil.“
Wie sehr vermisse ich so einen Stil in aktuellen Produktionen.
Zu einer solchen Legendenbildung trugen natürlich auch die Kritiken bei, die vor dem Film warnten: Notlüge, Bestechung, illegaler Grenzübertritt, Aberglaube, Grabschändung, vorehelicher Sexualverkehr, Vielweiberei, Kindesentführung mit unsittlicher Absicht, Sadismus, Masochismus, ritueller Missbrauch christlicher Symbole – das alles noch in Farbe, was anderes hätte der katholische Filmdienst schreiben sollen, als das „Dracula“ stark negative Einflüsse auf den Durchschnittsbürger ausübt? Genau diese Elemente kommen aber nun mal in Stokers Roman vor, und dementsprechend kommt Jimmy Sangsters Drehbuchvorlage dem Roman auch so nahe wie kein Film vor ihm, und in meinen Augen auch kein Film danach.

Bewertung: die 10-Punkte-Skala wird von „Dracula“ natürlich mit Schallgeschwindigkeit durchbrochen und schießt gen Vollmond. :-)